Wunden reinigen mit Maden - ist das hygienisch?

Diese Frage stellen sich viele Menschen wenn sie von der Madentherapie hören. 

Diese sogenannte biochirurgische Behandlung ist eine Methode im modernen Wundmanagement. Dabei ist die Madentherapie so alt wie die Menschheit selbst. Denn schon unsere Vorfahren in der Steinzeit beobachteten, dass Wunden bei Tieren schneller heilten, wenn Fliegen darauf ihre Eier ablegten und die Larven in der Wunde lebten. So adaptierten sie diese Beobachtung in ihr eigenes Leben und setzten gezielt Fliegen auf ihre Wunden. 

In der heutigen Zeit werden speziell gezüchtete, desinfizierte Maden eingesetzt, um chronische Wunden zu behandeln und den Heilungsprozess zu unterstützen. 

Doch welche Wirkung haben diese Maden bei der Wundreinigung? Ist diese Behandlung wirklich sicher oder verbleiben Maden in der Wunde? Und wer übernimmt die Kosten für eine Madenbehandlung? 

Lesen Sie in diesem Artikel alles Wichtige über das Thema Madentherapie.

Wunden sind nicht gleich Wunden

Prinzipiell werden in der Medizin zwei Arten von Wunden unterschieden: akute und chronische

Akute Wunden, durch mechanische, thermische oder chemische Verletzung entstanden, sind Läsionen der Haut und der darunter befindenden Strukturen. Es liegen keine Infektionszeichen wie Schwellung, lokale Übererwärmung oder starke Sekretabsonderung vor. Zudem sind die Wundränder nicht klaffend und innerhalb von 6 Stunden wieder zusammengeführt worden. Die aus einer akuten Wunde resultierende Narbe ist kaum sichtbar und strichförmig.

Chronische Wunden entstehen aufgrund organischer Fehlfunktionen oder systemischer Erkrankungen. Diese Gewebedefekte sind oftmals stark kontaminiert und bedingen daher einen Wundabstrich und oft eine antibiotische Behandlung. Auch Infektionszeichen sind deutlich sichtbar. Da die Wundränder nicht zusammenführbar sind, muss der Organismus den Defekt durch Bindegewebe schließen. Dieser Prozess kann Wochen bis Monate dauern. Eine chronische Wunde ist immer durch eine deutliche Narbe sichtbar.

Die 3 Phasen der Wundheilung

Chronische Wunden heilen in 3 Phasen, wobei diese zeitlich überlappend auftreten. 

In der Exsudationsphase, auch Inflammationsphase genannt, bildet der Körper als erstes Fibrine. Dieser Klebstoff besteht aus Proteinen, die durch Thrombin aus Fibrinogenen entstehen. Diese Fibrine bilden ein halbdurchlässiges Netz, welches die Wunde von innen verschließt und vor eindringenden Keimen schützt. Gleichzeitig werden jedoch auch Zelltrümmer, Fremdkörper und Keime aus der Wunde herausgeschwemmt.

Mithilfe dieses Wundsekretes, auch Exsudat genannt, kann der Organismus auf die verzögerte Immunantwort reagieren und diese unterstützen. Denn wenn die Exsudationsmenge hoch ist, so initiiert der Körper die Zellteilung im Wundgebiet, sodass Monozyten zu Makrophagen heranreifen. Diese zerstören die noch nicht ausgeschwemmten, verbliebenen Zelltrümmer und Keime. 

 

Während der Proliferationsphase entwickeln sich aus den im Wundrand befindlichen Bindegewebszellen Fibroblasten. Durch ein feuchtes Wundmilieu wandern diese Zellen und füllen den Wunddefekt von außen nach innen auf. Dieses erste Gewebe, auch Granulationsgewebe genannt, ist noch sehr grob und vulnerabel. Infolgedessen zersetzt sich das Fibrinnetz langsam, sodass kleinste Blutgefäße in die neuen Fibrinoblasten-Zellen einwachsen können. Durch die verbesserte Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen werden Zytokine (Wachstumsfaktoren) in die neuen Wundrand-Zellen gespült, was die Ausreifung der Zellen zur Folge hat.

In der Exsudations- und Proliferationsphase muss die chronische Wunde stets feucht und warm gehalten werden. Denn die Zellteilung ist nur bei einer Temperatur zwischen 35 und 37 Grad Celsius gegeben. Die Wanderung der Zellen vom Wundrand zur Mitte hin erfolgt durch „Schwimmen“.

Daher ist die Wundbehandlung stets darauf ausgerichtet, ein feucht-warmes Wundmilieu zu gestalten.

 

Die letzte Phase, auch als Regerationsphase bekannt, ist durch die Wundschließung gekennzeichnet. Das Granulationsgewebe bildet Kollagenfasern aus. Diese passen sich an die Anforderungen der Umgebung an, die einzelnen Kollagenfasern können unterschiedlich dicht und fest sein.

Im Laufe der Zeit verliert das Gewebe in der und um die Narbe Wasser, was zu einer Schrumpfung unter Hautniveau führt. Zudem bilden sich auch einige Gefäße wieder zurück, sodass die anfängliche rote Narbe nun weiß wird.

Störungen in der Wundheilung

Die gesamte Wundheilung ist sehr komplex und unterliegt zahlreichen Einflussfaktoren.

So können Hämatome, Nekrosen oder ein erhöhter Druck auf das Wundgewebe zu Durchblutungsstörungen führen und den Heilungsverlauf erheblich beeinträchtigen. Auch Infektionen verhindern nicht nur ein Fortschreiten in die nächste Heilungsphase, sondern können für den Betroffenen auch schwere körperliche Folgen mit sich bringen. Deshalb müssen alle wundspezifischen Einflussfaktoren ab Beginn der Wundbehandlung therapiert werden.

Doch auch systemische Erkrankungen, die einerseits zu einer chronischen Wunde führen bzw. die Entstehung begünstigen, beeinträchtigen andererseits auch die Heilung. Hierzu zählen vor allem Durchblutungsstörungen wie pAVK oder CVI, Diabetes mellitus, Alkoholabusus oder Adipositas. Die Heilung einer chronischen Wunde kann nur glücken, wenn auch die ursächliche Krankheit therapiert wird. 

Chronische Wunden – Modernes Wundmanagement

Chronische Wunden heilen nie allein aus. Betroffene brauchen Unterstützung und die Behandlung obliegt Fachleuten, wie Ärzten oder zu Wundexperten ausgebildeten Pflegekräften. Diese führen neben einer adäquaten Schmerzbehandlung auch Therapien zur Wundreinigung (Debridement) und zum Wundverschluss durch. 

Die Wundreinigung dient der Abtragung von totem Gewebe (Nekrosen), dem Abtöten von Keimen und dem Entfernen von Belägen. Denn Nekrosen führen zu einer Entzündungsreaktion, da der Organismus die toten Zellen eliminieren möchte.

Auch Keime führen zu einer dauerhaften Entzündungsreaktion in der chronischen Wunde. Diese dauerhafte Inflammation begünstigt in vielen Fällen die überschüssige Fibrinbildung, sodass großflächige Beläge auf der Wunde entstehen. Dieser Wundbelag aus Nekrosen, Bakterien und festen Fibrin-Zellen behindert eine Abheilung. Daher ist das Debridement obligat und immer dem Wundverschluss voranzustellen.

Der Wundverschluss kann mechanisch oder durch Wundauflagen erfolgen. In der Regel können chronische Wunden nicht mechanisch verschlossen werden, da die Wundränder zu weit auseinander klaffen. Daher bedient sich das moderne Wundmanagement spezieller Wundauflagen, die das feucht-warme Wundmilieu unterstützen und somit die Heilung begünstigen. 

Madentherapie in Deutschland

Ein wichtiger Bestandteil des modernen Wundmanagements in Deutschland ist die Madentherapie. Insbesondere wenn die offene Wunde am Bein nicht heilt und diverse Versuche mit modernen Wundauflagen scheiterten, vertrauen Wundexperten auf die Madenbehandlung.

Die in der Madentherapie eingesetzten Lebewesen sind keineswegs, wie viele Menschen denken, unhygienisch. Die Maden werden speziell in Laboren unter sterilen Bedingungen gezüchtet und können daher keine Krankheitserreger übertragen. 

In der Regel wird die chronische Wunde mit einem speziellen Klebestreifen als Barriere abgegrenzt, sodass die Maden die Wunde nicht verlassen können. Pro Quadratzentimeter Wunde appliziert der Wundexperte bis zu zehn Maden. Diese können mithilfe einer Pinzette einzeln drapiert werden oder befinden sich vom Hersteller her bereits in einem Gaze-Beutel. Die Wunde wird nach dem Auftragen der Maden mit einer geeigneten Wundauflage abgedeckt und in regelmäßigen Abständen kontrolliert. 

Werden einzelne Maden eingesetzt, so wird die Anzahl der aufgesetzten und wieder entfernten Maden genau dokumentiert, damit kein Tier in der Wunde verbleibt. In einer Wundhöhle kommen niemals freie Maden zum Einsatz.

Maden auf offenen Wunden oder in Wundhöhlen haben nur einen Effekt, wenn sich die Wunde in der Exsudationsphase befindet und die Tiere zur Wundreinigung eingesetzt werden.

Madenbehandlung Wirkungsweise

Eine Wunde mit Maden zu reinigen hat zwei entscheidende Vorteile: den Abbau von Wundbelägen und die Reduktion der Keimzahl.

Da die Wundbeläge, bestehend aus nekrotischen Zellen und überschüssigem Exsudat, vom Blutkreislauf abgeschnitten sind, stehen keine körpereigenen Immunzellen zur Auflösung der Beläge zur Verfügung. Die Wundbeläge verhindern jedoch die Wundheilung enorm und stellen zudem einen Nährboden für Bakterien dar.

Maden werden auf offene Wunden, explizit auf Wundbeläge, gesetzt, denn diese Tiere ernähren sich vorrangig von nekrotischen Zellen. Die Maden scheiden Verdauungsenzyme bei der Zersetzung der Nekrosen aus, weshalb sich zudem das überschüssige, feste Exsudat verflüssigt. Dieses Gemisch wiederum saugen die Maden zusätzlich auf. Wenn sie gesättigt sind, stellen sie die Nahrungsaufnahme ein und müssen durch neue Maden ersetzt werden.

Doch Maden reinigen nicht nur Wunden, sie desinfizieren diese auch. Denn die Tiere produzieren antibakterielle Stoffe und scheiden Ammoniak aus. Dadurch wird der pH-Wert der Wunde gehoben, sodass viele Bakterien absterben. Dies stellt wiederum totes Material für die Maden dar, welches gemeinsam mit dem Wundbelag aufgesaugt und verdaut wird.

Ein Vorteil der Maden besteht darin, dass sie neben herkömmlichen Wundkeimen auch einige multiresistente Erreger eliminieren können, weshalb die Madenbehandlung vor allem bei Menschen mit besiedelten Wunden angewandt wird. 

Gibt es Nebenwirkungen?

Da die Wundränder bei chronischen Wunden nicht klar sind, verlaufen gesunde und nekrotische Zellen ineinander. Aufgrund dessen ist es möglich, dass die Maden auch einige gesunde Zellen am Wundrand andauen, was etwas schmerzhaft sein kann.

Zudem kommt es manchmal vor, dass zu viele Maden gleichzeitig in eine Wunde gesetzt werden und die Zersetzung dann mit Juckreiz oder Schmerzen verbunden sein kann.

Madentherapie Kostenübernahme

Im Vergleich zu anderen Methoden aus der modernen Wundbehandlung zur Therapie von Belägen auf chronischen Wunden ist die Madenbehandlung kostengünstiger und mit weniger Nebenwirkungen verbunden.

Die Exsudationsphase an sich kann durch den Einsatz von Maden auf offenen Wunden signifikant verkürzt werden. 

Daher verordnen immer mehr Ärzte, wenn offene Wunden nicht heilen, eine Wundreinigung mit Maden. Die Kosten werden bei medizinischer Notwendigkeit von den Krankenkassen für gesetzlich Versicherte komplett übernommen.

Eine Madentherapie kann in einer Klinik oder in einer niedergelassenen Praxis erfolgen. Voraussetzung ist das Zertifikat als Wundexperte.

Fazit

Maden im offenen Bein ist für viele Menschen eine Vorstellung, die mit Ekel assoziiert wird. Dabei ist die Madentherapie eine der ältesten Methoden zur Wundreinigung und stellt viele antibiotische und systemische Behandlungen in den Schatten. Die enzymatische Wirkweise wurde zudem in vielen Studien bestätigt. 

Bei einer Madenbehandlung werden speziell gezüchtete, desinfizierte Maden auf oder in eine chronische Wunde gesetzt, um Wundbeläge aufzulösen und die Bakterienzahl zu verringern. Diese Effekte sind Voraussetzung für eine Weiterbehandlung und lassen sich mithilfe der Maden schnell und preiswert erreichen. 

In Deutschland wird die Madentherapie von der Krankenkasse bezahlt. Dennoch ist es wichtig, nicht nur die chronische Wunde mithilfe von Maden zu behandeln, sondern auch die zugrundeliegende Krankheit zu therapieren.

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