Orthopädie

Ein Pariser Kinderarzt aus dem 18. Jahrhundert verglich den Orthopäden mit einem Gärtner, welcher ein krumm gewachsenes Bäumchen durch das Anbinden an Stützpfähle gerade zu biegen versucht. Diese Allegorie wird noch heute als Symbol für die Gesellschaft der Orthopäden verwendet, auch wenn mittlerweile viele andere konservative Methoden zur Behandlung von Erkrankungen und Fehlbildungen des muskoskelletären Apparates existieren.

Da das Fachgebiet der Unfallchirurgie viele Übereinstimmungen mit der Orthopädie aufweist, wird die Fachweiterbildung seit 2005 zum Orthopäden und Unfallchirurgen zusammengelegt. Wenn auch Sie mehr über das medizinische Fach der Orthopädie erfahren möchten, lesen Sie weiter. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Einblick über die orthopädischen Aufgabenbereiche, die Untersuchungs- und Behandlungsmethoden sowie die Tätigkeitsfelder.

Der Fachbereich Orthopädie

Die Orthopädie ist ein Teilgebiet der Medizin und befasst sich mit Erkrankungen und Fehlbindungen des Stütz- und Bewegungsapparates. Es ist ein relativ junges Fach, welches erst in den 1970er Jahren offiziell als Fachgebiet anerkannt wurde.

 

Facharzt für Orthopädie

Die Facharztweiterbildung erfolgt nach einem abgeschlossenen Medizinstudium und dauert mindestens 6 Jahre. Nach Beendigung dürfen die Ärzte den Titel „Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie“ tragen.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit befassen sich Orthopäden mit der Entwicklung des Bewegungsapparates sowie der Erkennung und Behandlung akuter Verletzungen oder degenerativer Erkrankungen. Dazu zählen vor allem Störungen der Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bänder. Zudem wendet ein niedergelassener Orthopäde zur Therapie verschiedene invasive oder nicht-invasive Behandlungsmethoden an, die den Betroffenen Hilfestellungen bei der Haltung oder der Bewegung geben. Darüber hinaus behandelt ein Orthopäde individuell und gibt beispielsweise Verordnungen für Heil- und Hilfsmittel aus, leitet an Ernährungsberater weiter oder unterstützt eine Reha-Maßnahme.

Ziel der orthopädischen Tätigkeit ist es, die Mobilität und Selbständigkeit der Menschen zu erhalten oder zu verbessern, Schmerzen zu bekämpfen und Wohlbefinden zu schaffen. Deshalb arbeiten Orthopäden auch oftmals eng mit anderen Professionen, zum Beispiel Physiotherapeuten, Orthopädietechniker oder Pflegediensten, zusammen. In Deutschland gab es 2019 über 16.000 Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie. Knapp 6.000 Ärzte arbeiteten als niedergelassene Orthopäden in einer Praxis oder einer Ambulanz. Das entspricht einer hohen Facharztdichte, da sich durchschnittlich 7 Orthopäden pro 100.000 Einwohner den Menschen und ihren Bedürfnissen annehmen.

Orthopädische Klinik

In einer Fachklinik für Orthopädie oder einem Orthopädie Krankenhaus sind aktuell deutschlandweit etwa 8.000 Ärzte angestellt. Diese bündeln einerseits die Kompetenzen und Erfahrungen, andererseits ist die schnelle Weiterleitung an andere Fachabteilungen oder zu unterstützenden Stellen möglich.

Während niedergelassene Orthopäden oftmals aufgrund der Nähe zum Wohnort bei der Behandlung chronischer Leiden herangezogen werden, suchen Betroffene bei akuten Erkrankungen oder Verletzungen eher eine Klinik für Orthopädie auf. Denn ob Diagnostik, Therapie oder Reha – in diesen speziellen Zentren liegt meist alles in einer Hand. Zudem beeinflussen die Qualifikation des Mediziners und die Praxisausstattung nicht selten die in Frage kommenden Behandlungsmaßnahmen. Infolgedessen können Patienten in einem orthopädischen Krankenhaus individuell sowohl nicht-operativ als auch operativ therapiert werden. Für eine umfassende Nachbehandlung leiten die Mediziner die Patienten nach dem stationären Aufenthalt jedoch in der Regel an einen niedergelassenen Orthopäden in der Nähe des Wohnortes weiter.

Wann geht man zum Orthopäden?

Viele Menschen denken bei dem Begriff Orthopäden an eine akute Verletzung oder die Hüftuntersuchung im Säuglingsalter. Doch die Fachärzte sind für weitaus mehr zuständig.

 

Verletzungen mehrerer Einheiten

Meist entsteht im Rahmen eines Traumas eine Verletzung, die mehrere Einheiten betrifft - Knochen, Muskeln, Gelenke, Bänder und/oder Faszien. Eine schnelle Diagnostik und Behandlung der verletzten Areale durch einen Orthopäden verhindert eine Chronifizierung, reduziert Schmerzen, beugt Fehlhaltungen vor und verhilft schnell wieder zu einem autonomen Leben.

Erkrankungen der Gelenke

Viele Menschen kennen den Begriff „Arthrose“. Dabei handelt es sich um die weltweit häufigste Gelenkerkrankung, die als Folge einer Knorpelschädigung auftritt. Mehr als 1 Million Menschen in Deutschland sind von der Verschleißerkrankung betroffen und benötigen in regelmäßigen Abständen die Versorgung durch einen Orthopäden. Ob Knie, Hüfte, Schulter, Daumen oder Wirbelsäule – Arthrose kann alle Gelenke betreffen. Die Erkrankung schreitet immer weiter fort, sodass durch das allmähliche Abreiben der Gelenkhaut tragende Knochen aufeinandertreffen. Dies führt zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, was jedoch sowohl konservativ als auch operativ gut vonseiten eines Orthopäden therapiert werden kann.

Gelenke können sich jedoch auch infizieren, wenn Bakterien oder Viren hineingelangen. Die Gelenksentzündung ist eine relativ seltene Erkrankung, sie muss aber schnell durch einen Orthopäden therapiert werden, da andernfalls das betroffene Gelenk Schaden nimmt und entfernt oder versteift werden muss.

Erkrankungen der Knochen

Noch immer kommt es vor allem bei älteren Menschen zu einem sogenannten Ermüdungsbruch. Im Gegensatz zur Spontanfraktur, bei der ein Knochen aufgrund einer traumatischen Gewalteinwirkung bricht, entwickelt sich der Ermüdungsbruch innerhalb weniger Wochen bis Monate. Am häufigsten sind Fuß oder Unterschenkel betroffen. Da die Fraktur, ebenso wie die Ursache, behandelt werden muss, ist es ratsam, einen Orthopäden aufzusuchen.

Etwa 6 von 10 Menschen über 60 Jahren sind von Osteoporose betroffen. Diese krankhafte Veränderung der Knochensubstanz führt zu einer verminderten Festigkeit des Knochens. Damit einher gehen erhöhte Risiken für Knochenbrüche, Stürze, Immobilität und Pflegebedürftigkeit. Deshalb ist es unabdingbar, Osteoporose durch einen Orthopäden langfristig therapieren zu lassen.

Dysplasien des Knochengewebes sind Veränderungen der Knochenzellen. Die bekannteste Form ist die Hüftdysplasie. Etwa jedes 10. neugeborene Kind wird mit einer Hüftdysplasie geboren. Diese kann in der Regel jedoch mit einfachen orthopädischen Mitteln behoben werden, sodass es keine langfristigen Beeinträchtigungen gibt. Doch auch andere Fehlbildungen aus dem Formenkreis der muskoskelletären Dysplasien fallen in das Behandlungsspektrum eines Orthopäden.

Erkrankungen der Muskeln

Die Skelettmuskulatur verbindet und bewegt die Knochen. Über eine Sehne sind die Muskeln mit den Knochen fest verbunden. Durch Zusammenziehen oder Dehnung erfolgt beispielsweise Bewegung oder Fixation, wodurch wir einerseits mobil sind und andererseits aufrecht stehen können. Bei falsche Beanspruchung, sei es durch Fehlhaltung, Sport oder Krankheiten, können sich die Muskeln verspannen, verkürzen, verhärten, erschlaffen oder überdehnen. Diese Muskelerkrankungen führen ohne adäquate orthopädische Behandlung langfristig zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen.

Erkrankungen der Sehnen und Nerven

Durch einseitige Belastung können sich schmerzhafte Reizungen an den Sehnen entwickeln. Besonders häufig sind davon die Sehnen des Ellenbogens betroffen, man spricht dann von einem sogenannten „Tennisarm“ oder „Golferarm“.

Viele Nerven in unserem Körper verlaufen vom Ansatz bis zum Ende durch verschiedene Engstellen. Aufgrund von Fehlhaltungen oder Fehlbelastung kann es zu Entzündungen und Schwellungen kommen, sodass die Nerven im Bereich der Engstellen komprimiert werden. Infolgedessen entstehen Schmerzen und Taubheitsgefühle.

Diese Erkrankungen von Sehen und Nerven sollten rechtzeitig durch einen Orthopäden behandelt werden, um chronisches Leiden zu verhindern.

Erkrankung der Schleimbeutel

Schleimbeutel wirken in den Gelenken wie Puffer, denn sie verhindern, dass bei Druck der Knochen auf den Muskel oder die Sehnen reibt. Dieser Schleimbeutel kann sich jedoch entzünden. Auch Zysten, in denen sich die Gelenksflüssigkeit sammelt, können in den Schleimbeuteln entstehen. Beide Erkrankungsbilder schmerzen und beeinträchtigen die Mobilität, was eine Vorstellung bei einem Orthopäden indiziert.

Rheumatische Erkrankungen

Die Krankheitsbilder aus dem rheumatischen Formenkreis haben alle gemein, dass sich durch einen chronischen Entzündungsprozess Strukturen des Bindegewebes verändern. In den meisten Fällen sind Gelenke bei einer rheumatischen Erkrankung betroffen, da dort besonders viel Bindegewebe zu finden ist.

Doch auch andere Bereiche des Körpers, beispielsweise Blutgefäße, innere Organe oder Augen, werden sich im Verlauf einer rheumatischen Erkrankung entzünden. Rheuma ist eine fortschreitende Erkrankung, die unbehandelt sehr schnell zu Immobilität und Pflegebedürftigkeit führt. Daher ist ein multiprofessionelles Krankheitsmanagement gefragt.

Bandscheibenvorfall

Bei einem Bandscheibenvorfall verlagert sich der Gallertkern der Bandscheibe durch einen Riss des Bandscheibenrings in Richtung Wirbelkanal. Je nach Ausprägung des Vorfalls kann es zu unterschiedlichen Symptomen kommen, von leichten Schmerzen bis hin zu Lähmungserscheinungen. In jedem Fall ist es sinnvoll, einen Orthopäden zu Rate zu ziehen, um das Ausmaß des Bandscheibenvorfalls bestimmen und die richtigen Therapie einleiten zu lassen.

Welche Aufgaben hat ein Orthopäde?

Orthopäden, ob niedergelassen in Ihrer Nähe oder in einer orthopädischen Klinik, sind darauf spezialisiert, bei Erkrankungen, Verletzungen oder Fehlbildungen des muskoskelletären Apparates eine umfassende Diagnostik durchzuführen. Auf Basis der Ergebnisse wird ein individuelles Therapiekonzept erstellt. In der Regel leitet der Orthopäde die meisten Therapien an und verweist dann auf die zuständigen Experten, beispielsweise Physiotherapeuten.

Im Rahmen der Nachsorge überprüft der Orthopäde, inwiefern die Therapie erfolgreich war und die Behandlungsziele erreicht wurden. Bei einer chronischen Erkrankung findet eine regelmäßige Evaluation statt, mit dem Hintergrund, das Fortschreiten der jeweiligen Erkrankung so weit als möglich zu verlangsamen.

 

Orthopädische Erkrankungen – Was behandelt ein Orthopäde?

Je nach Weiterbildung des Mediziners und Ausstattung der Praxis fallen folgende Erkrankungen unter die Zuständigkeit eines Orthopäden:

Allgemeine Erkrankungen:

  • Fraktur
  • Luxation
  • Ermüdungsbruch
  • Osteomyelitis
  • Ostitis
  • Arthritis
  • Arthrose
  • Osteoporose
  • Spastik
  • Rheuma
  • Gicht
  • Gelenkverschleiß
  • Gelenkverkalkung
  • Knochennekrose
  • Nerven-Einklemmungen
  • Muskel- und Sehnenverletzungen
  • Bandverletzungen

 

Spezielle Erkrankungen der Wirbelsäule und des Brustkorbs:

  • Skoliose
  • Morbus Scheuermann
  • Morbus Bechterew
  • Zervikalgie
  • Zervikobrachialgie
  • Bandscheibenvorfall
  • Wirbelverschleiß
  • Spinalkanalstenose
  • Trichterbrust
  • Kielbrust
  • Lumboischalgie
  • Wirbelgleiten

 

Spezielle Erkrankungen der Arme und der Hände:

  • Tennisarm
  • Golferarm
  • Morbus Dupuytren
  • Enchondrom

 

Spezielle Erkrankungen der Hüfte:

  • Hüftreifungsstörungen
  • Morbus Perthes
  • Hüftschnupfen
  • Epiphysenlösung
  • Hüftschnappen

 

Spezielle Erkrankungen des Knies:

  • Achsenfehlstellungen
  • Morbus Osgood
  • Meniskuserkrankungen

 

Spezielle Erkrankungen der Füße:

  • Klumpfuß
  • Sichelfuß
  • Hackenfuß
  • Spitzfuß
  • Hohlfuß
  • Knick-Senk- bzw. Knick-Platt-Fuß
  • Morbus Ledderhose
  • Fersensporn

Untersuchungsmethoden in der Orthopädie

Wie alle anderen Fachbereiche der Medizin auch, bedient sich die Orthopädie zuerst einer ausführlichen Anamnese und einer gründlichen klinischen Untersuchung. Um Verdachtsdiagnosen abzusichern, werden in der Regel bildgebende Verfahren wie Röntgen, CT, MRT oder Sonographie angewandt.

Eine wichtige Rolle bei einigen orthopädischen Erkrankungen spielen zudem Szintigraphie, SPECT, Arthroskopie und Knochendichtemessung. Orthopäden werden bei ihren Untersuchungen oftmals von Medizinern aus anderen Fachgebieten unterstützt.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit Neurologen, Neurochirurgen, Endokrinologen, Onkologen und Psychiatern.

 

Orthopädische Behandlungsmethoden

Orthopäden können Patienten konservativ oder operativ behandeln. In der Regel stehen nicht-invasive Therapien vor operativen Verfahren.

Konservative Behandlung in der Orthopädie:

  • Orthesenversorgung
  • Physiotherapie
  • Schmerztherapie
  • Ergotherapie
  • Massagen
  • Injektionen
  • Thermo- und Hydrotherapie
  • Elektrotherapie
  • Ruhe und Entlastung

 

Operative Behandlung in der Orthopädie

Ist dennoch eine Operation nötig, so wird diese in der Regel minimal-invasiv durchgeführt.

Die häufigsten operativen orthopädischen Eingriffe sind:

  • Bandscheiben OP
  • Hüft-TEP
  • Knie-TEP
  • Wirbelsäulenversteifung
  • Kreuzband OP
  • Meniskus OP

Fazit zur Fachabteilung Orthopädie

Die Orthopädie ist ein Teilgebiet der Medizin und wird in Deutschland mit der Unfallchirurgie zusammengefasst. Ob Meniskusriss, Kreuzbandriss, Bänderriss, Hüftdysplasie oder Bandscheibenvorfall – Orthopäden helfen bei akuten Verletzungen, chronischen Erkrankungen oder angeborenen Fehlstellungen des muskoskelletären Apparates. Darunter fallen Knochen, Muskeln, Sehen, Bänder und Gelenke. Der erste Orthopäde Wiens, Adolf Lorenz, sagte bereits: "Die Orthopädie versteht die Kunst, die Krummen gerade und die Lahmen gehend zu machen."

Ob ein niedergelassener Orthopäde in Ihrer Nähe oder eine orthopädische Klinik zur Behandlung in Frage kommen, hängt von der Art der Erkrankung und den damit verbundenen Diagnose- und Therapieverfahren ab. Nicht immer kann ein niedergelassener Orthopäde alle Möglichkeiten anbieten. Und manchmal ist der Weg zu einer Fachklinik bei chronischen Erkrankungen sehr lang. Lassen Sie sich daher bei orthopädischen Fragen gut beraten und wählen Sie die für Sie passende Lösung.

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