Sepsis: Harmlose Infektion wird lebensbedrohlich

Mediziner beobachten seit längerer Zeit eine beunruhigende Entwicklung: Die Zahl der Menschen, die eine lebensbedrohliche Sepsis erleiden, steigt in den westlichen Industriestaaten pro Jahr um etwa sieben Prozent an. Oft entwickelt sie sich aus einer auf den ersten Blick harmlosen Infektion. Erhalten die Betroffenen nicht schnell genug Hilfe, sterben sie. Überleben sie die schwere Infektionskrankheit, machen ihnen die Sepsis Folgen das Leben schwer.

Was ist eine Sepsis?

Eine Sepsis ist eine Infektion, die den gesamten Körper des Patienten in Mitleidenscaft zieht. Sie wird auch als Blutvergiftung bezeichnet. Dieser Begriff ist jedoch nicht korrekt, weil der Erkrankte keinen Kontakt mit einem Gift hatte. Die Sepsis entwickelt sich oft aus einer lokal begrenzten Entzündung, die auf ein geschädigtes Abwehrsystem trifft. Sie hat eine sehr hohe Mortalität: Von den 280.000 bis 350.000 jährlich Betroffenen sterben 75.000 bis 95.000 an der Krankheit.

Tragisch ist, dass viele dieser Menschen hätten gerettet werden können, wenn man die Blutvergiftung rechtzeitig erkannt und behandelt hätte. Statistisch gesehen, übertrifft die Anzahl der Sepsis-Toten die der HIV/AIDS-, Prostata- und Brustkrebstoten zusammen. 

Das Tückische an der Blutvergiftung ist, dass ihre Anzeichen oft denen einer harmlosen Infektion ähneln. Hat sich diese erst im ganzen Körper ausgebreitet, erhöht sich das Sterberisiko stündlich um ein Prozent, wenn der Patient nicht behandelt wird: Bereits nach einem Tag hat sich sein Risiko zu versterben auf 24 % erhöht. Schwere Verläufe mit Organschäden überstehen die Sepsis zu 47 % nicht. Kommt es zum Kreislaufversagen (septischer Schock), liegt die Mortalität sogar bei 60 %.

So entsteht eine Sepsis

Die Blutvergiftung wird meist von Bakterien ausgelöst, die eine lokale Infektion wie beispielsweise eine Harnwegs- oder eine Lungenentzündung verursachen. Kann das menschliche Immunsystem diese Krankheitserreger nicht abtöten, breitet sie sich überall im Körper aus. Sie befällt andere Organe und richtet dort schwere Gewebeschäden an. In manchen Fällen kommt die Sepsis auch durch Viren, Pilze oder Einzeller zustande. 

Im Normalfall ist das körpereigene Abwehrsystem imstande, die beispielsweise durch eine kleine Wunde eingedrungenen Krankheitserreger zu beseitigen. Schneiden Sie sich bei der Essenszubereitung in den Finger, kommt es normalerweise zu keiner Blutvergiftung. Was im weiteren Verlauf passiert, hängt unter anderem davon ab, wie viele Bakterien in die Schnittwunde eindringen, wie stark Ihr Immunsystem ist und ob Sie die Wunde sofort versorgen. Auch nach einem Stich durch ein Insekt kommt es nicht zwangsläufig zu einer Blutvergiftung. Damit sich die Wunde nicht infiziert, sollten Sie sie allerdings sofort von Fremdstoffen wie Schmutz und Sand säubern, desinfizieren und mit einem Pflaster oder Wundverband bedecken. 

Suchen Sie anschließend bitte eine Arztpraxis auf und lassen Sie sich vorsichtshalber eine Tetanusspritze geben. Auch tiefere Schnitt- und Schürfwunden, anhaltend blutende und stark verschmutzte Wunden müssen schnellstmöglich von einem Arzt behandekt werden. Um die Blutung vorerst einzudämmen, bedecken Sie sie vor Ihrem Gang zum Arzt mit einem sterilen Wundverband und umwickeln sie mit einem Druckverband. Lässt sich die Blutung überhaupt nicht kontrollieren, holen Sie bitte sofort den Rettungsdienst. 

Zu einer Blutvergiftung kann es immer dann kommen, wenn der Infektionsherd auf den übrigen Körper übergreift. Eine überschießende Immunreaktion ist die Folge. Das Abwehrsystem ist außerstande, die Infektion zu kontrollieren, weil es verglichen mit dem Ausmaß der Entzündung übermäßig reagiert. So wird eine leichte Infektion oder kleine Verletzung innerhalb kurzer Zeit zu einer Sepsis, die den gesamten Körper schädigt.

Besonders gefährdet sind Patienten mit/im:

  • geschwächtem oder supprimiertem Abwehrsystem (Krebstherapie!)

  • HIV/AIDS

  • Entzündungen der Harnwege und Geschlechtsorgane

  • Diabetes mellitus

  • Leukämie

  • nicht lange zurückliegender Operation

  • Implantaten, Prothesen, Stents, Kathetern

  • regelmäßiger Einnahme bestimmter Arzneimittel (Kortison, Antibiotika)

  • sehr hohem Lebensalter

  • Kindes- und Jugendalter

Symptome einer Sepsis

Eine Blutvergiftung lässt sich im Anfangsstadium meist schlecht erkennen, weil die Symptome oft unspezifisch sind.

Eine Sepsis tritt mit folgenden allgemeinen Symptomen auf:

  • Tachykardie (Herzrasen)

  • Untertemperatur von maximal 36 °C (meist bei sehr jungen und alten Patienten)

  • Fieber von mehr als 38 °C

  • schnell ansteigendes und wieder abfallendes Fieber, dem ein erneuer Fieberanstieg folgt

  • heiße Haut

  • Schüttelfrost trotz Fieber

  • Hautausschlag

  • systolischer Blutdruck von mehr als 100 mmHg 

  • Gesichtsblässe oder graue Hautfarbe

  • Hyperventilation oder bestehende Lungenfunktionsstörung

  • erhöhter Blutzuckerspiegel

  • stark erhöhte oder verringerte (schwere Sepsis) Leukozytenzahl

  • Ödeme

  • Bewusstseinsveränderungen (Verwirrtheit, innere Unruhe)

  • schlechter Allgemeinzustand

Hinweise auf den Infektionsherd geben Sepsis Symptome wie:

  • Kurzatmigkeit, eitriges Sputum (Lungenentzündung)

  • starke Kopfschmerzen, schiefer Hals, Lichtempfindlichkeit der Augen, Schläfrigkeit, Verwirrtheit (Hirnhautentzündung)

  • anderer Uringeruch, verringerte Harnbildung (Harnwegsinfektion)

  • bläulich verfärbte Haut (Lungenschädigung)

  • Gelbfärbung der Haut und Augäpfel (Leberentzündung)

Weil viele der zuerst aufgeführten Anzeichen für eine Blutvergiftung auch bei anderen Erkrankungen auftreten, überarbeiteten Mediziner 2016 ihre Definition. Danach liegt eine Sepsis dann vor, wenn der Patient eine lebensgefährliche Organdysfunktion an Gehirn, Herz, Lungen oder Nieren hat. Sie kommt durch eine Unterversorgung des betreffenden Organs mit Blut zustande, die wiederum Folge einer Fehlregulation des Immunsystems ist.

Es aktiviert massenhaft Entzündungen verursachende Botenstoffe. Die Gerinnungsfaktoren bilden in den Gefäßen des betroffenen Organs Blutgerinnsel, die sie verengen und verstopfen. Weil die Gerinnungsfaktoren für diese Fehlregulation verbraucht werden, hat der Patient anschließend eine erhöhte Blutungsneigung. Die Blutgerinnungsstörung zeigt sich mit roten Flecken auf der Haut. Danach kommt es oft zum Multiorganversagen: Mindestens zwei lebenswichtige Organe fallen aus. Von der Sepsis unterscheidet man die sogenannte Bakteriämie. So nennt der Mediziner das Vorhandensein von Bakterien im Blut.

Verlauf der Blutvergiftung

Eine Sepsis geht stets von einer Infektion aus. Die Dauer der Blutvergiftung bis zum Ausbruch im gesamten Körper lässt sich nicht genau einschätzen. Sie ist vom Lebensalter des Betroffenen, dem Zustand seines Immunsystems und dem verursachenden Erreger abhängig.

In der Folgezeit treten Organfunktionsstörungen auf. Die Entzündungsbotenstoffe sorgen für eine extreme Weitstellung der Gefäße (schwere Sepsis). Dadurch sinkt der Blutdruck stark ab und das Herz kann nicht mehr alle Organe mit ausreichend Blut und Sauerstoff versorgen. Die Blutgerinnsel verschlechtern seinen Gesundheitszustand zusätzlich. Er kann einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Kommt es zum Multiorganversagen, verliert der Patient das Bewusstsein und stirbt.

Bei den Symptomen einer schweren Blutvergiftung erhöht sich die Mortalität auf 47 %. Sind die Ärzte auf der Intensivstation nicht mehr imstande, den extrem abgefallenen Blutdruck zu stabilisieren, werden lebenswichtige Organe nicht mehr ausreichend versorgt. Nahezu jeder zweite Patient stirbt an einem septischen Schock. Weil sich die Symptome nicht einmal mit der modernen Hightech-Medizin beherrschen lassen, ist es wichtig, die Sepsis frühzeitig zu erkennen. Bei einer von Bakterien verursachten Infektion kann es schon nach wenigen Stunden zu einer Blutvergiftung kommen.

Während dieser Zeit kann der Betroffene noch gesund aussehen und eine rosige Gesichtsfarbe haben. Eine durch eine Pilzinfektion hervorgerufene Sepsis entwickelt sich äußerst langsam. Der Betroffene klagt über starke Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Nachts kommt es oft zu starken Schweißausbrüchen. 

So stellt der Arzt eine Blutvergiftung fest

Holen Sie bitte schnellstens einen Notarzt, wenn der Patient eine Infektion hat und schläfrig und verwirrt wirkt. Weitere Alarmzeichen sind eine bläuliche Hautverfärbung, rote Flecken und Schwierigkeiten beim Wasserlassen. Er sollte unbedingt mehr als zwei- bis dreimal täglich urinieren können und dabei insgesamt mindestens 500 Milliliter Urin ausscheiden. Ein Patient mit dem Verdacht auf Blutvergiftung wird gleich in die Intensivstation eingeliefert.

Um festzustellen, an welcher Infektion er leidet, um was für einen Erreger es sich handelt und wie weit sie bereits fortgeschritten ist, lässt der untersuchende Arzt ihm Blut und mitunter auch einen Wundabstrich abnehmen. Danach wird die Blutkultur auf Entzündungsparameter (Pro-Calcitonin, C-reaktives Protein) und weitere Werte wie Bilirubin und Kreatinin untersucht. Er muss außerdem eine Urinprobe abgeben. Anschließend folgen Röntgen- (Lungenentzündung!) und Ultraschalluntersuchungen. Bei einem Verdacht auf eine Infektion des Zentralnervensystems wie zum Beispiel eine Hirnhautentzündung entnimmt er dem Kranken Liquor aus dem Rückenmarkskanal. 

Die Fiebermessung erfolgt im After, in der Harnblase oder einem Blutgefäß. Auch eine Blutdruckmessung ist erforderlich. Um nicht wertvolle Zeit zu verlieren, erhält der Kranke vor Bekanntwerden der Untersuchungsergebnisse ein Breitbandantibiotikum. Denn die Identifizierung des Krankheitserregers kann bis zu 36 Stunden in Anspruch nehmen. 

Behandlung der Blutvergiftung

Eine unbehandelte Sepsis kann die Überlebenschancen des Betroffenen extrem verschlechtern. Daher ist es wichtig, dass er frühzeitig medizinische Hilfe bekommt. Ist klar, um welchen Erreger es sich handelt, verabreicht man ihm das genau passende Antibiotikum. Zuerst erfolgt eine Behandlung der Grunderkrankung, also der Infektion, die die Sepsis ausgelöst hat. Der Mediziner spricht in diesem Fall von einer Sepsis-Sanierung. Der Patient erhält Medikamente oder wird operiert. Bei 80% der Kranken lässt sich der Infektionsherd identifizieren. Je nach Verlauf und Schweregrad muss der Patient aber noch weitere Behandlungen erhalten. Er wird künstlich ernährt und oft noch beatmet.

Grundsätzlich besteht die Sepsis-Therapie aus vier Teilen:

  • Verabreichung von Medikamenten (Antibiotika, Antimykotika, Schmerzmittel, gefäßverengende Mittel beim septischen Schock)

  • Immuntherapie gegen Blutgerinnsel (Thromben)

  • medizinische Behandlung der Organdysfunktionen (Dialyse, Beatmung)

  • unterstützende intensivmedizinische Therapie (Infusionen, Bluttransfusion)

Überlebt der Patient die Blutvergiftung, ist seine Lebensqualität nach der Sepsis oft dauerhaft eingeschränkt. Wurden beispielsweise seine Nieren geschädigt, ist er den Rest seines Lebens auf eine regelmäßige Blutwäsche (Dialyse) angewiesen. Die Erholungszeit nach der Sepsis verbringt er mit Rehamaßnahmen. Viele ehemalige Patienten leiden an Spätfolgen wie Muskelschwäche, Nervenschäden (Polyneuropathien, Polymyopathien) und Depressionen. Die Mehrzahl von ihnen kämpft nach der Entlassung aus der Klinik mit neurologischen Folgen wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.

Tröstlich ist jedoch, dass sich die Nerven und Muskeln oft innerhalb eines Jahres größtenteils regenerieren. Hilfe und Beratungstermine zum Thema Leben nach der Blutvergiftung erhalten Sie als Betroffener bei der Deutschen Sepsis-Hilfe. Welche Rehaklinik für Sie infrage kommt, kann Ihnen Ihr Hausarzt mitteilen. Die Kostenübernahme der Maßnahmen erfolgt durch die gesetzlichen und privaten Krankenkassen und die Rentenversicherung.

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