Iatrophobie – Die Angst vor Krankenhäusern

Lieber Schmerzen als ein Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt – für viele Menschen ist das unvorstellbar. Doch für Personen mit einer Iatrophobie oder einer Mysophobie stellt dieses Szenario eine ernsthafte Bedrohung dar. Sie haben Angst vor dem Arzt oder Angst vor Keimen und vermeiden dadurch jeden Kontakt zu Medizinern, Praxen oder Krankenhäusern. Durch das Aufschieben der eigentlich notwendigen Interventionen verschlimmern sich die individuellen Beschwerden jedoch, sodass letztlich oftmals mehrere Behandlungen oder längere Krankenhausaufenthalte nötig sind, um eine Heilung herbeizuführen.

Doch der Teufelskreis lässt sich durchbrechen - Iatrophobie wie auch Mysophobie und andere Arzt-assoziierte Angststörungen sind behandelbar. Lesen Sie in diesem Beitrag, woher die Angst vor Ärzten oder die Angst vor Keimen kommt, mit welchen Gefahren die Angststörungen verbunden sind und wie man eine Iatrophobie oder eine Mysophobie vorbeugen kann.

 

Die Angst vor dem Arzt und vor Krankenhäusern

Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden gänzlich oder temporär an einer Iatrophobie, woraus ein regelrechtes Vermeidungsverhalten entsteht. Dabei gilt es jedoch zu differenzieren, ob tatsächlich die Angst vor dem Arzt bzw. den Keimen oder aber ob andere, individuelle Aspekte die Ursache sind.

 

Was ist Iatrophobie?

Die Arztphobie, wie die Iatrophobie umgangssprachlich bezeichnet wird, ist eine langanhaltende Angst vor Ärzten (griechisch Iatros). Sie wird zu den phobischen Störungen gezählt und führt in vielen Fällen zur Vermeidung des Arztbesuches.

 

Was versteht man unter Mysophobie?

Unter der Mysophobie wird die krankhafte Angst vor Bakterien, Viren und Pilzsporen bezeichnet. Auch sie fällt unter den allgemeinen Sammelbegrif „phobische Störungen“. Sie macht sich vor allem durch exzessive Hygiene und die Kontaktvermeidung zu anderen Menschen und kontaminierten Objekten bemerkbar.

 

Abgrenzung zu anderen Ängsten

Die Arztphobie kann personen-, situations- oder ortsbezogen sein. Zudem ist nicht jede Angst so stark ausgeprägt, dass sie als krankhaft eingestuft werden kann. Des weiteren sind differenzialdiagnostisch auch andere Angststörungen auszuschließen, zum Beispiel:

  • Nosophobie: Angst vor einer Erkrankung
  • Berührungsangst oder Angst vor Enge 
  • Hämatophobie: Angst vor Blut
  • Algophobie: Angst vor Schmerzen
  • Aichmophobie: Angst vor spitzen oder scharfen Gegenständen
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Angst vor Entscheidungen

 

Ursachen einer Iatrophobie

Kognitives Erklärungsmodell

Menschen, welche unter einer ausgeprägten Angststörung leiden, nehmen die Welt anders wahr. Über die Jahre hinweg wird aus dieser Wahrnehmung die Realität. Sogenannte verinnerlichte Vorurteile oder Fehlurteile führen dann zu einem Vermeidungsverhalten.

Ein klassisches Beispiel ist die Angst, aus einer Narkose nicht mehr aufzuwachen. Diese Angst führt dazu, dass alle Aktionen unterbunden werden, damit eine Anästhesie überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden muss, da man aus dieser ohnehin nicht mehr aufwacht.

Entwicklungsmodell

Viele Ängste sind im Laufe unserer Entwicklung normal: Trennungsangst, Schulangst, Tierangst, … Aufgrund einiger sozialer Aspekte (Traumatisierung, Sozialphobie in der Familie, …) können sich diese Ängste jedoch verfestigen und dann zu späteren Phobien entwickeln.

So kann beispielsweise starke körperliche Züchtigung im Kindesalter im Zusammenhang mit der Angst vor Schmerzen einhergehen, was sich dann nicht selten in einer Iatrophobie manifestiert. 

Lernmodell

Einige Psychologen und Psychiater gehen davon aus, dass sich vor allem Ängste durch eine Konditionierung entwickeln. Durch falsche Lernerfahrungen wird ein Angststimuli bei den Patienten erzeugt, sodass es infolgedessen zu Vermeidungsverhalten kommt. Diese Konditionierung kann sowohl im Kindesalter als auch im späteren Leben erfolgen.

Wenn Kinder beispielsweise die Spritzenangst der Mutter im frühen Kindesalter erleben, interpretieren sie dieses Verhalten als normal und reagieren oft mit derselben Angst. 

Auch im Erwachsenenalter kann eine Fehlinterpretation die Entstehung von Angststörungen beeinflussen. So führt die Rückkopplung einer erhöhten Herzfrequenz mit der kognitiven Bewertung von Gefahr (drohender Herzinfarkt) in einigen Fällen zur Ausprägung von Angststörungen, beispielsweise vor Erkrankungen.

Psychoanalytischer Ansatz

Ängste entstehen laut Freud dadurch, dass eine potenzielle innere Gefahr durch eine äußere, konstruierte Gefahr ersetzt wird. Dies hat den Vorteil, dass die äußere Gefahr leichter vermieden werden kann. 

Freud beschreibt beispielsweise die Angst vor einem sexuellen Übergriff als nicht kontrollierbar, weshalb die Betroffenen dann zu einer Schutzmaßnahme „greifen“. So wird eine greifbare Angst daraus, beispielsweise die Angst vor der Untersuchung durch einen Arzt anderen Geschlechts. Diese spezifische Iatrophobie findet sich insbesondere bei männlichen Gynäkologen.

Feldtheoretischer Ansatz

Der Zusammenhang zwischen Patient, Angstobjekt und Beziehung definiert diese Theorie. Je intensiver die Beziehung und je negativer diese behaftet ist, umso mehr Einfluss wird dem Angstobjekt zugeschrieben und umso ausgelieferter fühlt sich der Patient.

Als klassisches Beispiel sieht die Psychiatrie die Angst vor dem Zahnarzt. Negative Erfahrungen aus der Kindheit, Schmerzen oder grobe Behandlung, das Gefühl der Heteronomie oder anderes führen zu einer negativen Beziehung. Gleichzeitig wird der Arzt dadurch in seiner Position durch die Sicht des Patienten gestärkt, was eine Iatrophobie begünstigen kann.

 

Symptome der Arztphobie

Die Angst vor Ärzten, den Behandlungen oder den Konsequenzen führen zu deutlichen körperlichen und psychischen sowie kognitiven Symptomen.

Körperliche Symptome

  • Herzrasen
  • Schweißausbrüche
  • Atemnot
  • Zittern

Psychische und kognitive Symptome

  • Gefühl des Ausgeliefertseins
  • Gefühl des Weglaufen-Wollens
  • Gedankenleere
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Bewusstseinsstörungen
  • überhöhte Erregbarkeit, Aggression, Reizbarkeit

 

Was sind die Gefahren von Iatrophobie?

Durch eine Iatrophobie oder eine Mysophobie kann das konsequente Vermeidungsverhalten zu einer verspäteten Diagnose führen. In der Zeit der Vermeidung kommt es nicht nur zu einer möglichen Ansteckungsgefahr für andere Personen, sondern auch zu einer erhöhten Komplikationsrate und einem zunehmenden Risiko für Begleit- und Folgeerkrankungen. 

Beispiel: Führt das wiederkehrende Blut im Stuhl bei einer bestehenden Iatrophobie nicht zu einer Untersuchung, kann der dafür ursächliche Darmkrebs nicht im Anfangsstadium erkannt und behandelt werden. Die Gefahr für eine Metastasierung steigt mit jedem unbehandelten Tag.

Die deutlich verzögerte Therapieeinleitung macht die Behandlung einerseits schwieriger, andererseits langwieriger und invasiver. Infolgedessen steigt der Druck und somit auch die Angst bei den Betroffenen weiter an. In wenigen Fällen erfolgt die Diagnose sogar erst in einem so späten Stadium, dass nur noch palliative Behandlungsmethoden möglich sind. Einige Studien zeigen die direkte Korrelation zwischen einer Iatrophobie oder anderen Krankenhaus-assoziierten Angststörung und einer höheren Sterblichkeit.

Beispiel: Ab einem gewissen Stadium des Darmkrebses haben Mediziner nur noch die Möglichkeit, den Tumor im Wachstum zu verlangsamen und die Beschwerden vor dem Tod zu lindern.

 

Was kann man gegen Iatrophobie machen?

Bei einer diagnostizierten Iatrophobie übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine Psychotherapie oder vergleichsweise ähnliche Behandlung bei einem anerkannten Vertragspsychologen oder Vertragsarzt mit Zusatzausbildung. Die Erfolgsrate dieser Therapien liegt bei über 80 %.

 

Gesprächs- und Verhaltenstherapie

Bei einer kombinierten Gesprächs- und Verhaltenstherapie geht es darum, dass sich die Patienten den angstbesetzten Stimuli gezielt mit zunehmender Steigerung aussetzen. Bei der sogenannten Reizexposition wird der Patient nach und nach durch Bilder, Gespräche und Besuche systematisch mit ärztlichen Interventionen sensibilisiert. Dadurch sollen die Betroffenen die zuvor vermiedenen Situationen als beherrschbar erleben und in das normale Leben integrieren. 

 

Entspannungsmethoden 

Ängste sind mit körperlichen Stresssymptomen verbunden. Diese reichen von Verspannung über Herzrasen bis hin zu Übelkeit und Erbrechen. Durch gezielte Entspannungsmethoden können diese Anspannungen und der Anstieg von Stresshormonen im Blut therapiert werden. Bio-Feedback, Hypnose, progressive Muskelentspannung sowie autogenes Training können den Betroffenen helfen, einen Arztbesuch anzustreben und die Behandlung durchzuhalten. 

 

Medikamente

In einigen Fällen kann es auch notwendig sein, bestimmte Medikamente wie Beruhigungsmittel oder Narkosen anzuwenden, damit medizinisch relevante Diagnostikverfahren und Therapien ermöglicht werden.

 

Aufklärung

Nach einer Umfrage des Meinungsinstitutes Forsa haben fast 1/3 aller Menschen Angst vor einem Krankenhausaufenthalt. Dies ist vor allem auf die Angst vor Keimen (Mysophobie) oder die Angst vor Medikamentennebenwirkungen zurückzuführen. 

Eine umfassende Aufklärung vonseiten der Mediziner über die vorliegenden Hygienerichtlinien sowie über Behandlung und Nebenwirkungen kann helfen, Patienten mit Ängsten zu einer Therapie zu bewegen.

 

Die Angst während des Arztbesuches oder Krankenhausaufenthaltes reduzieren

Wenn sich Menschen mit Iatrophobie oder Mysophobie dazu überwinden konnten, einen Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen, ist es sinnvoll, die Ängste zu kommunizieren. Dies hilft oftmals auch den Angestellten, gute Therapiebedingungen zu schaffen.

 

Positive Erfahrungen sammeln

Versuchen Sie, Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Denn wenn Sie keine Schmerzen haben und sich einer Präventionsmaßnahme unterziehen, können Sie daraus positive Erfahrungen schöpfen. In der Regel sind Vorsorgeuntersuchungen nicht oder wesentlich weniger negativ behaftet.

 

Kurze Behandlungssitzungen

Behandlungen sollten am Anfang so kurz wie möglich gehalten werden. Vereinbaren Sie lieber zwei Termine beim Zahnarzt zur Kontrolle und zur Zahnreinigung statt eines Kombinationstermins. Diese kurzen Einheiten reduzieren den Stress, was sich positiv auf die Iatrophobie-Therapie auswirken kann.

 

Belohnungen nach dem Besuch

Kinder wie auch Erwachsene benötigen positive Rückmeldung. Besonders nach stressbehafteten Situationen ist es hilfreich, sich selbst für das Bewältigte zu belohnen. Ein Eis nach einer Vorsorgeuntersuchung, ein Besuch im Kino nach einer medizinischen Behandlung oder einen Kurzurlaub nach einem Krankenhausaufenthalt – Ihr Gehirn wird somit neue Bewertungen in Zusammenhang mit einem Arztbesuch abspeichern. Dies kann im weiteren Verlauf bei einer Iatrophobie helfen.

 

Fazit

Iatrophobie ist eine ernsthafte Störung, bei dem die Betroffenen so starke Angst vor dem Arzt haben, dass sie Besuche und Behandlungen hinauszögern oder vermeiden. Dies hat jedoch Konsequenzen, da sich Krankheiten verschlimmern können und Begleit- oder Folgeerkrankungen entstehen. 

Doch die Arztphobie ist therapierbar. Viele Methoden sind anerkannt und helfen über 80 % der Betroffenen, damit sie sich wieder Vorsorgeuntersuchungen oder medizinischen Maßnahmen unterziehen und Krankenhausaufenthalte wagen können. Bei einer diagnostizierten Iatrophobie übernimmt die Krankenkasse die Kosten der Therapie.

 

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