Spinalkanalstenose

 

Die Spinalkanalstenose ist eine schleichende Erkrankung, bei der der Rückenmarkkanal mit den innenliegenden Nerven verengt wird. Dadurch treten Symptome wie Rückenschmerzen oder Mobilitätsprobleme zu Tage. Besonders im fortgeschrittenen Alter leiden immer mehr Menschen unter Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule, die eine Spinalkanalstenose begünstigen. Auch andere Risikofaktoren sind für die Entstehung dieser orthopädischen Erkrankung in jungen Jahren bekannt.

Jedes Jahr werden daher mehr als 100.000 Patienten aufgrund einer Spinalkanalstenose stationär behandelt – Tendenz steigend. Leider besteht in der Praxis aufgrund unzureichender Datenlage jedoch Unsicherheit über die richtige Behandlungsmethode. Viele der betroffenen Patienten unterziehen sich einer Operation.

Ist diese immer notwendig oder können auch konservative Maßnahmen zur Heilung verhelfen? Wie ist die Prognose nach einer Spinalkanalstenose OP? Und was wird dabei überhaupt genau gemacht? Erfahren Sie in diesem Beitrag alles Wichtige zum Thema Spinalkanalstenose.

 

Was ist eine Spinalkanalstenose?

Anatomie der Wirbelsäule

Die Wirbelsäule besteht aus Wirbeln, welche die Form eines Zylinders haben und innen hohl sind. Die vorderen Enden sind mit massiven Knochen, sogenannten Wirbelkörpern verwachsen. Diese Wirbelkörper besitzen eine kompakte Außenschicht und eine vulnerable, schwammartige Füllung, das Knochenmark. Der hintere Teil der Wirbel wird durch Wirbelbögen begrenzt, die einerseits als Ansatz für Muskeln dienen und andererseits Schutz vor Stößen bieten. Zwischen den einzelnen Wirbelkörpern liegen nach oben und unten jeweils Bandscheiben, eine bindegewebsartige Schicht, die Bewegung ermöglicht und Druck abfedert.
 

Wirbelsäule mit Wirbelkörpern und den Bandscheiben dazwischen

 

Bänder und Muskeln stabilisieren zum einen die Wirbelsäule und ermöglichen einen aufrechten Gang. Zum anderen sind sie für die Bewegung der Wirbelsäule und somit des gesamten Körpers in allen Ebenen unerlässlich. Alle diese Elemente dienen neben der Statik und der Bewegung vor allem auch dem Schutz des Rückenmarks, denn dieses bildet die Bündelung sämtlicher peripherer und zentraler Nerven. In der Mitte der Wirbel, zwischen Wirbelkörper und Wirbelbögen, befindet sich ein Loch. Die Löcher aller Wirbel bilden zusammen den Wirbelkanal, in dem das Rückenmark verläuft. Es ist von den Rückenmarkshäuten umgeben, die wiederum die Fortsetzung der Hirnhäute darstellen. Das Rückenmark verläuft bis zum Sakralbereich hinunter und wird dabei zunehmend schmäler, weshalb auch der Wirbelkanal nach unten hin spitz zuläuft.

Die Spinalkanalstenose

Bei einer Spinalkanalstenose verbreitern sich Wirbel, Bandscheiben oder Bänder, sodass das Rückenmark komprimiert wird. Dadurch werden die im Rückenmark verlaufenden Nerven eingeklemmt, was zu Schmerzen, Bewegungseinschränkung und Missempfindungen führt.

In den meisten Fällen tritt die Spinalkanalstenose im Bereich der Lendenwirbelsäule auf, wo der Wirbelkanal anatomisch ohnehin eng ist. In der Medizin wird dann von einer lumbalen Spinalkanalstenose gesprochen. Zervikale Spinalkanalstenosen im Halswirbelbereich sind seltener.

 

Wie entsteht eine Spinalkanalstenose?

Pathophysiologie

Die häufigste Ursache für eine Spinalkanalstenose ist die Degeneration der Wirbelsäule: Flüssigkeitsverlust in den Bandscheiben führt zu einer Verflachung oder Verformung. Dies geht mit einer eingeschränkten Druck- und Stoßabfederung einher. Infolgedessen werden die Wirbelkörper, die zwischen die Bandscheiben eingebettet sind, bei Bewegung stärker belastet.

Auch die Bänder entlang der Wirbelsäule werden durch die verminderte Federung in Mitleidenschaft gezogen und verlieren an Spannkraft und Elastizität. So kann das gesamte Gefüge der Wirbelsäule nach und nach instabil werden. Letztendlich sind es die Wirbelkörper, die sich gegeneinander verschieben (Wirbelgleiten) und dadurch auf den Spinalkanal (Wirbelkanal) drücken.

Im Regelfall können gut trainierte Rückenmuskeln die Wirbelsäule ausreichend stabilisieren, sodass Menschen mit einer Spinalkanalstenose keine Symptome haben. Doch Patienten mit einer schlechten Rückenmuskulatur zeigen sehr bald typische Anzeichen. Dies liegt daran, dass zum einen das Wirbelgleiten ausgeprägter ist und zum anderen der Körper neue Knochenstrukturen zur Stabilisierung der Wirbelsäule in den Wirbelkörpern einbaut. Diese sogenannten Osteophyten verschlimmern die Spinalkanalstenose noch.

 

Risikofaktoren

Die Wahrscheinlichkeit, eine lumbale Wirbelsäulenveränderung zu entwickeln, steigt mit zunehmendem Alter auf fast 100%. Radiologisch weisen mehr als ¼ aller Patienten über 60 Jahre eine Spinalkanalstenose auf, bei der sowohl eine knöcherne Einengung als auch eine Deformität der Wirbelsäule vorliegen. Gründe dafür sind beispielsweise der verringerte Einbau von Calcium in die Knochen, die vielfältige Abnutzung durch Arbeit oder Sport sowie verlangsamte Regenerationsprozesse.

Verschleißerscheinungen (Degeneration) entstehen jedoch nicht nur durch das Alter, sondern werden auch durch andere Faktoren begünstigt. So ist mittlerweile erwiesen, dass sich die Gelenke in der Wirbelsäule auch durch den modernen Lebensstil in den Industrienationen schneller abnutzen. Risikofaktoren sind beispielsweise Übergewicht, Bewegungsmangel, einseitige Ernährung, pAVK, Osteoporose oder Diabetes.

Neben der Degeneration spielen in geringem Maß auch Faktoren wie angeborene Fehlbildungen der Wirbelsäule, vorangegangene Wirbelsäulenoperationen, Verletzungen an den Wirbelkörpern, Bandscheibenvorfälle, hormonelle Veränderungen oder Knochenerkrankungen eine Rolle bei der Entstehung einer Spinalkanalstenose.

 

Symptome der Spinalkanalstenose

Die Beschwerden, welche durch eine Spinalkanalstenose hervorgerufen werden, treten in der Regel nicht plötzlich, sondern schleichend auf. Und zwar dann, wenn der Spinalkanal so weit verengt ist, dass die Nerven des Rückenmarks oder die Blutgefäße komprimiert werden.

 

Erste Anzeichen der Spinalkanalstenose:

  • Rückenschmerzen, meist im Lendenbereich
  • ausstrahlende Schmerzen vom Rücken in die Beine
  • verminderte Beweglichkeit der Wirbelsäule
  • Muskelverspannungen im Rücken

 

Symptome der fortgeschrittenen Spinalkanalstenose

  • Missempfindungen in den Beinen (Brennen, Kribbeln, Kältegefühl, Wattegefühl)
  • Sensibilitätsstörungen in den Beinen
  • Schwäche der Beinmuskeln
  • Schmerzen, die besonders beim Treppen absteigen oder bei längerem Gehen auftreten
  • Formen der Inkontinenz
  • eingeschränkte Sexualfunktion

 

Die Symptome der Spinalkanalstenose verringern sich in ihrer Intensität bei Positionswechsel, bei Bewegung der Wirbelsäule, beim Bücken oder Vorbeugen sowie im Liegen.

 

Konservative Behandlung der Spinalkanalstenose

Physikalische Therapie

Physikalische Maßnahmen wie Bäder, Massagen oder Wärmeanwendungen sowie Elektrotherapie helfen bei der Entlastung und Stabilisierung der Wirbelsäule. Durch die erhöhte Durchblutung lockern sich die Muskeln und die Schmerzen reduzieren sich. Viele Betroffene berichten über einen geringeren Medikamentenkonsum nach physikalischen Maßnahmen.

 

Krankengymnastische Übungen bei Spinalkanalstenose

Ziel der Physiotherapie ist es zum einen, die Hohlkreuzposition zu reduzieren. Dies geschieht durch eine Dehnungsbehandlung der Rückenstreckmuskeln und der vorderen Hüftgelenksmuskeln, wodurch sich das Becken aufrichtet. Zum anderen soll die Wirbelsäule stabilisiert werden. Mittels gezielter Kräftigungsübungen trainieren die Betroffenen ihre Lenden-, Becken- und Hüftmuskeln so, dass diese die Aufgabe der geschädigten Bandscheiben übernehmen.

Des Weiteren sind rückenschonende Haltungen und rückenschonendes Arbeiten Inhalte der Physiotherapie. In diesem Rahmen lernen die Betroffenen, wie sie beispielsweise schmerzfrei aus dem Bett aufstehen, schwere Lasten heben oder Pausen für den Rücken durch Stufenbettlagerung einbauen können.

Mithilfe der Physiotherapie können Betroffene häufig die Beschwerden lindern und dadurch eine Operation umgehen. Die Übungen bei Spinalkanalstenose sollten die Patienten jedoch zu Hause selbständig fortführen.

 

Medikamente

Hauptsymptome bei einer Spinalkanalstenose sind Schmerzen und Bewegungseinschränkung. Diese Anzeichen stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander. Denn mit Schmerzen lassen sich nur schwer Stützmuskeln trainieren, eine eingeschränkte Mobilität führt wiederum zu Schmerzen durch einseitige Belastung und Fehlhaltung.

Deshalb muss der Teufelskreis durchbrochen werden, weshalb die medikamentöse Schmerztherapie ein wichtiger Eckpfeiler bei der Behandlung einer Spinalkanalstenose ist. Je nach Intensität der Schmerzen verordnen Ärzte leichte Präparate wie Ibuprofen oder Diclofenac. Bei stärkeren und sehr starken Schmerzen helfen leichte und starke Opiate. Zudem zeigen auch sogenannte Co-Analgetika wie Antidepressiva, Muskelrelaxantien oder Kortikoide gute Erfolge bei der Schmerzbehandlung.

 

Konservativ versus operativ

Laut einiger Langzeitstudien lassen sich folgende Ergebnisse für die Behandlung bei Spinalkanalstenose festhalten:

  • die Vorteile der operativen Therapie überwiegen nur in den ersten 4 Jahren
  • nach 8 Jahren unterscheiden sich die Vergleichsgruppen (operative Behandlung versus konservative Behandlung) nicht mehr in Bezug auf Zufriedenheit und Schmerzfreiheit
  • nach 10 Jahren wurden bei 37 % der konservativ behandelten Patienten doch noch eine Operation durchgeführt
  • in Bezug auf Funktionalität und Schmerzreduktion zeigen sich bei 67 % der operierten und bei 41 % der nicht operierten Patienten Besserung durch die jeweiligen Interventionen

 

Operation bei Spinalkanalstenose

Indikationen

Wenn der Arzt eine Spinalkanalstenose feststellt, wird er in der Regel erst einmal das Ausmaß der Verengung und die daraus resultierenden Beschwerden ermitteln. Das Augenmerk liegt zuerst auf der konservativen Behandlung, denn oftmals reichen diese Maßnahmen aus, um die Schmerzen zu reduzieren und die Beweglichkeit wiederherzustellen. Auch sind stets die individuellen Operationsrisiken wie Alter oder Vorerkrankungen zu bedenken. Nur wenige Patienten mit einer Spinalkanalstenose müssen operiert werden.

Klare Indikationen sind:

  • keine Besserung der Symptomatik durch die konservativen Maßnahmen nach mehr als 4 Monaten
  • rasche Zunahme der Beschwerden
  • ausgeprägte neurologische Defizite (Inkontinenz, Gangunsicherheiten)

 

Wie läuft eine Spinalkanalstenose OP ab?

Bei einer Operation muss der Chirurg kein Bandscheibenmaterial entfernen, sondern führt durch minimal-invasive Methodik eine Druckentlastung herbei. Hierfür stehen verschiedene Methoden zur Verfügung:

Bei der Dekompression werden die eingeengten Nerven wieder freigelegt. Dazu entfernt der Chirurg den Wirbelbogen und den Dornfortsatz an der stenosierten Stelle. Die im Fachjargon als Laminektomie bezeichnete Operation bei Spinalkanalstenose gilt als Goldstandard.

Die Fusion (Spondylodese) beschreibt ein Verfahren, bei dem die einzelnen Wirbel durch Schauben miteinander verbunden werden. Diese Versteifung kommt vor allem bei ausgeprägtem Wirbelgleiten zum Einsatz und verhindert, dass die Wirbelkörper weiter ineinander rutschen und den Spinalkanal einengen.

Eine wenig praktizierte Variante der Versteifung ist die Verbindung der Dornfortsätze, sodass ein Vor- oder Rückwärtskippen der Wirbelsäule in dem operierten Bereich nicht mehr möglich ist. Die Bewegungen zur Seite sind jedoch noch ausführbar.

 

Welche Art der Operation im Einzelfall geeignet ist, hängt von vielen Faktoren ab und wird in einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch erörtert. Alle Verfahren können entweder minimalinvasiv oder mikrochirurgisch durchgeführt werden, sodass der Chirurg nur kleinste Gewebeanteile schädigen muss. Auch die Gefahren von post-operativer Instabilität, Infektionen, Nervenverletzungen oder Blutungen sind durch die „Schlüsselloch-Operationen“ weitaus geringer. Die Genesungsphase verkürzt sich, wodurch die Patienten schneller mobil werden.

 

Welche Risiken gibt es?

Die Komplikationsrate bei einer Spinalkanalstenose OP ist nicht unerheblich. Laut wissenschaftlichen Erhebungen kommt es vor allem bei Patienten über 65 Jahre in 18 % zu Komplikationen. Die häufigsten sind Duraverletzungen (Einschnitt in die Rückenmarkshaut), Wundinfektionen und Sepsis.

Des Weiteren wird die Re-Operationsrate in einem Zeitraum von 10 Jahren mit 11 % angegeben, da auch bei einer gut verlaufenden OP noch eine Reststenose verbleiben kann. Zudem kommt es in seltenen Fällen zu Schädigungen von zentralen oder peripheren Nerven sowie zum Liquoraustritt.

Die Spinalkanalstenose ist keine Erkrankung, die sofort operiert werden muss. Daher haben Mediziner und Patienten in der Regel ausreichend Zeit, eine sorgfältige Kosten-Nutzen-Abwägung aufzustellen und zu entscheiden.

 

Das Leben nach der Spinalkanalstenose-OP

Nach einer Spinalkanalstenose-OP können Sie eine Anschlussheilbehandlung (Reha) beginnen. Dies ist besonders dann von Vorteil, wenn der Operation keine lange konservative Behandlung vorangegangen ist. Denn im Rahmen der Reha-Maßnahme lernen Sie nicht nur verschiedenste Methoden zum Aufbau der Rumpfmuskulatur sowie zur Entlastung der Bandscheiben. Therapeuten und Menschen aus anderen Professionen begleiten Sie außerdem auf Ihrem Weg und können mit wertvollen Tipps Hilfen bei den Anforderungen des Alltags, bei der Krankheitsbewältigung oder bei der Umstellung der Lebensgewohnheiten geben.

 

Fazit

Die Spinalkanalstenose ist eine orthopädische Erkrankung, die in den meisten Fällen auf degenerative Veränderungen in der Wirbelsäule zurückzuführen ist. Vor allem ältere Patienten sind davon betroffen, doch auch jüngere Menschen mit einem vorangegangenen Bandscheibenvorfall oder anderen Erkrankungen können eine Spinalkanalstenose entwickeln.

Symptome sind vor allem Rückenschmerzen und eingeschränkte Mobilität. Bei einer lumbalen Spinalkanalstenose im Lendenwirbelbereich tritt im späten Stadium auch Inkontinenz zu Tage, die zervikale Spinalkanalstenose im Halsbereich hat vor allem Auswirkungen auf die Funktion der Arme.

In der Regel wird diese Spinalkanalstenose konservativ behandelt, doch in einigen Fällen ist die orthopädische Chirurgie gefragt. Dank minimal invasiver Operationsmethoden können die Ärzte das Operationsrisiko gering halten und den Betroffenen zu Schmerzfreiheit und mehr Beweglichkeit verhelfen.

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